FAchdialog Politische Steuerung für die Wärmewende
Mittwoch, 30. September 2026 | FH Technikum Wien
Eine Veranstaltung des EEÖ in Kooperation mit dem FH Technikum Wien.
NACHBERICHT
Unter dem Titel „Politische Steuerung für die Wärmewende: Mit den richtigen Mitteln raus aus Öl und Gas beim Heizen“ widmete sich der Dachverband Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ) am 30. September 2026 erneut einer brennenden Frage der Energiewende: Wie kann die Wärmewende an Tempo gewinnen und wieder auf das notwendige Ziel eines klimafreundlichen Gebäudesektors bis 2040 ausgerichtet werden?
Den Fachdialog läuteten Sylvia Geyer, Rektorin der FH Technikum Wien, und Gottfried Eder, Leiter des ebendort verankerten Masterstudiengangs „Klimabewusste Gebäudetechnik“, ein und betonten die große Bedeutung dekarbonisierter Wärme und Kühlung in Gebäuden und die dafür notwendigen qualifizierten Fachkräfte und stabilen politischen Rahmenbedingungen. Auch heuer stand die FH Technikum Wien wieder als Kooperationspartner des Fachdialogs bereit.
Wärmewende fehlt Tempo und zielgerichtete Umsetzung
Den inhaltlichen Auftakt mit einer Übersicht zur aktuellen Problemlage der Wärmewende im Gebäudesektor machte Martina Prechtl-Grundnig, Geschäftsführerin von Erneuerbare Energie Österreich. Während die Dekarbonisierung der Raumwärme ein zentraler Hebel für Klimaschutz und Versorgungssicherheit sei, würde mit dem aktuellen Tempo das EU-Ziel für den Ausstieg aus fossilen Heizsystemen bis 2040, aber auch das EU-Ziel für Klimaneutralität bis 2050, wesentlich verfehlt. Förderungen seien wichtig, um die hohe Anfangsinvestition zu reduzieren. Doch Kesseltauschzahlen zeigten zuletzt einen Rückgang bei erneuerbaren Heizsystemen und noch immer hohe Fehlinvestitionen in fossile Heizungen in Bestandsgebäuden. Als derzeit einzig verfügbares Instrument für den Heizungstausch im Bestand könnten Förderungen weder die erforderliche Dynamik noch die zuverlässige Zielerreichung sicherstellen.
Mit einem Rückblick in die Regierungsarbeit der letzten sechs Jahre rekonstruierte Prechtl-Grundnig das Zustandekommen der heutigen Schieflage. Wesentliche Instrumente wie ein gesetzlicher Pfad für den schrittweisen Umstieg auf klimafreundliches Heizen oder das Zentralisierungsgebot wurden unter Türkis-Grün als Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWG) in Zusammenarbeit mit Bundesländern und Stakeholdern fertig entwickelt, dann aber aufgegeben und von der jetzigen Regierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS noch nicht wieder aufgegriffen. Die Dekarbonisierung der Raumwärme im Bestand werde derzeit ausschließlich durch Förderungen begünstigt, doch die Vielzahl an Anforderungen wie Tempo, Orientierung, Planbarkeit, Sozialverträglichkeit und Technologieklarheit noch nicht abgedeckt. Inzwischen blickten Haushalte, Unternehmen und die Heizungsbranche auf Monate und Jahre prekärer Fördermittel zurück. Instrumente zur Stabilisierung und Zielausrichtung seien erforderlich.
Wofür sind Förderungen da? Wie meistern andere Länder ihre Wärmewende?
Dieser Einschätzung schloss sich auch Fabian Muralter vom Wirtschaftsforschungsunternehmen „Prognos“ in seinem Vortrag „Politische Steuerung der Wärmewende – Internationale Erfahrungen und Ansatzpunkte für Österreich“ an. Als umfassende Transformationsaufgabe sei die Wärmewende nicht mit einem einzigen Instrument zu bewältigen. Muralter zeigte auf, dass sämtliche Klimaneutralitätsszenarien deutlich höhere Austauschraten bei Heizungen verlangten als jene, die man aktuell in Österreich beobachtet. Gleichzeitig werde sichtbar, dass Förderungen zwar wirken, ihre Wirksamkeit aber mit zunehmender Transformation sinke. Während in den frühen Phasen viele „einfache Fälle“ erreicht würden, blieben später vor allem komplexere und teurere Sanierungsprojekte übrig.
Fördermittel könnten daher nur ein Baustein sein. Notwendig sei ein Instrumentenmix, der unterschiedliche Hindernisse adressiert. Als Beispiele nannte Muralter Dänemark, Schweden, Frankreich und die Schweiz. Alle diese Länder hätten neben Förderungen auf klare ordnungsrechtliche Vorgaben, langfristige Orientierung und stabile politische Signale gesetzt. Auch die Zusammenstellung der Instrumente je nach Zielgruppe sei dabei entscheidend.
Für Österreich bedeute das: Das Land starte zwar nicht „bei Null“ und verfüge bereits über funktionierende Programme und Initiativen, doch die bislang fragmentierten Maßnahmen müssten in einer verlässlichen Steuerungsarchitektur zusammengeführt werden.
Was brauchen Mieter, Eigentümerinnen und Unternehmen?
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion „Wärmewende in Österreich – von der Achterbahnfahrt zur Punktlandung“ mahnte Anton Berger Verlässlichkeit ein, an der sich Unternehmen strategisch ausrichten könnten. Der WKO-Innungsmeister der Installateure schlug einen sinnvollen Planungshorizont von zehn Jahren, mindestens aber von zwei Legislaturperioden vor. Berger betonte, dass die Politik das Risiko auf sich nehmen müsse, positive Entscheidungen zu treffen.
Priska Lueger, Wirtschaftsreferentin der Bundesarbeiterkammer, sah in einem Wärme-Kälte-Wirtschaftsgesetz ein Instrument, um Verlässlichkeit und Kostentransparenz für Verbraucher:innen zu gewährleisten. Damit solle den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zum Umstieg auf klimafreundliche Wärme Rechnung getragen werden. Wichtig sei, dass dekarbonisierte Systeme auch wirklich kostengünstiger ausfallen als fossile. Der Umstieg müsse deshalb auch so zügig wie möglich stattfinden, um unnötige Transformationskosten wie beispielsweise bei den verbliebenen Gasnetzkunden zu vermeiden.
Anton Holzapfel, Geschäftsführer des Österreichischen Verbands der Immobilienwirtschaft, schilderte das Problem fehlender Standardisierung und Vergleichbarkeit für ganz Österreich. Wenn nicht einmal eine gemeinsame Energieausweisdatenbank aufgrund föderaler Strukturen zustande käme, wie solle da Gleichbehandlung bei der Dekarbonisierung der Gebäude gewährleistet werden. Er unterstrich eine notwendige politische Einigung darauf, welche Ziele man erreichen wolle.
In punkto Föderalismus verwies Fabian Muralter von Prognos auf die Verschränkung zentraler Regelungen mit der subsidiären Umsetzung in Bundesländern und Gemeinden. In der Schweiz werde die Wärmewende insbesondere auf Kantonsebene umgesetzt, in Ländern wie Dänemark und Deutschland spiele die kommunale Wärmeplanung eine wesentliche Rolle. Bei der Entwicklung von Förderinstrumenten müssten verschiedene Zielgruppen Berücksichtigung finden. Laut Innungsmeister Berger brauche es bei Förderungen klare Bedingungen und Vorhersehbarkeit, das gelte auch bei degressiven Modellen bzw. für das Auslaufen einer Förderung. Ordnungsrechtliche Instrumente seien laut Muralter jedenfalls notwendig. Ein Modell der Kostenaufteilung zwischen Mieter:in und Vermieter:in könnte beispielsweise die Aufteilung von CO2-Kosten in Abhängigkeit von der Energieeffizienzklasse des Gebäudes sein.
Modernisierungswellen in Gebäuden altbekannt – Dekarbonisierung nächstes Kapitel
Zum Thema „Kosten und Finanzierung der Wärmewende“ stellte Wohnbauforscherin Eva Bauer die Frage, ob es sich um eine „überschätzte Problematik“ handle. Sie ordnete das bisherige Modernisierungsgeschehen im österreichischen Wohnungsbestand historisch ein. Der Einbau von Öl- und später Gasheizungen galt einst als Fortschritt gegenüber Kohle und versprach Bequemlichkeit und Komfort. Nun müsse der nächste Technologiesprung gelingen.
Österreich habe bereits mehrere Sanierungswellen erlebt: von Wohnungsverbesserungsmaßnahmen, sogenannten Aufkategorisierungen, über thermische Sanierungen bis zum Ausbau von Fernwärme. Die Dekarbonisierung könne nun als nächstes Kapitel der Wohnungsmodernisierung verstanden werden. Die finanziellen Herausforderungen seien groß, aber grundsätzlich bewältigbar. Den größten Teil des Finanzierungsbedarfs machten sogenannte OHNEHIN-Kosten aus, da jedes Heizungssystem irgendwann erneuert werden müsse.
Auch die Förderung solcher Modernisierungsmaßnahmen sei nichts Neues, betonte Bauer, gab es sie doch bereits seit den 1970er Jahren auf Landesebene, später kamen Bundesförderungen hinzu. Insgesamt sei die Finanzierung der Wärmewende zwar kein Selbstläufer, aber mit den bestehenden Förderungen auf Bundes- und Landesebene zu bewältigen. Für bessere Planbarkeit in der Finanzierung sollte sich die Bundesförderung bei den Landesförderungen anlehnen.
Rahmenbedingungen als kohärentes Gesamtpaket
Nach dieser optimistischen Bilanz zum Modernisierungsgeschehen in Gebäuden und seiner Finanzierbarkeit lenkte Michael Aumer, Abteilungsleiter für Energieeffizienz und Wärme im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus, mit seinem Vortrag den Fokus auf potenzielle Instrumente für eine Dynamisierung und Zielführung der Wärmewende. Mit Förderungen allein sei die Nachfrage nur bedingt steuerbar. In Anbetracht des dringenden Handlungsbedarfs müssten folgende Aspekte adressiert werden: ein langfristiger (Orientierungs)Rahmen, perspektivische Steuerung durch Förderungen, Umsetzungserleichterungen beim Wohnrecht sowie die Mobilisierung privaten Kapitals. Insgesamt sollten sich Einzelmaßnahmen und ein stimmiges Gesamtpaket an nationalen und europäischen Zielen ausrichten, beispielsweise am Ausstieg aus fossilen Heizungen bis 2040. Wichtig dabei seien außerdem zeitliche Kohärenz und klares Commitment für ein deutliches Marktsignal. Auch aus Perspektive der Verwaltung brauche es eine zeitliche Perspektive für die Wärmewende und Klarheit darüber, bis wann welche Wirkung durch welche Maßnahme erzielt werden solle. Wie die Bevölkerung zu einem ordnungsrechtlichen Rahmen für die Wärmewende stünde, sei fraglich. Je weicher und offener man diesen jedoch gestalte, desto effektiver müssten andere Instrumente greifen.
Was braucht die Bevölkerung?
Zu Haltungen in der Bevölkerung und der gesellschaftlichen Akzeptanz der Wärmewende lieferte Christoph Hofinger vom Meinungsforschungsinstitut Foresight einen Impuls als Einstieg in die Podiumsdiskussion „Mit den richtigen Mitteln raus aus Öl und Gas beim Heizen“. Es sei Konsens in der Bevölkerung, dass fossile Energie der Vergangenheit angehöre und Erneuerbare die Zukunft seien. Drei Viertel der Bevölkerung hielten die Bekämpfung der Klimakrise für wichtig. Für die Wärmewende und den Heizungstausch müssten verschiedene Typen unterschieden werden, von Vorreiter:innen über Aufgeschlossene, Verunsicherte, hin zu Verweiger:innen. Für jede dieser Gruppen brauche es unterschiedliche Strategien zur Mobilisierung. Individuelle Prognosen der Haushalte über die Wirkung ihrer Investition müssten von ökologischen und ökonomischen Anreizen begleitet werden. Hofinger betonte, dass klare regulatorische Rahmenbedingungen als Gegenmittel zu kognitiver und emotionaler Unsicherheit dienten und dass die Energiewende eine klare und wertebasierte Sprache brauche, um Orientierung zu schaffen.
Orientierung und Klarheit in der Wärmewende zogen sich als Motive anschließend durch die Diskussion: Haushalte sollten laut Hofinger nicht mit einem Stop-and-Go der Förderungen belastet werden, wenn ohnehin zahlreiche andere Bedingungen als instabil gelten. Andrea Domberger, Geschäftsführerin der Kelag Energie & Wärme, schilderte die Vorteile der Fernwärme, um Dekarbonisierung und die entsprechenden Technologiesprünge effizient zu meistern. Die Wärmewende sei absolut machbar, fasste Gernot Stöglehner, Professor für Raumplanung an der Universität für Bodenkultur, angesichts aktueller Forschungsergebnisse zusammen. Wichtig sei jedoch, die Realisierung systemisch anzugehen und Energieversorgung mit Raumplanung zu verschränken. Laut Sektionschef Jürgen Schneider, Bundesministerium für Land und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft, könne Klimaschutz nur gelingen, wenn er am Markt funktioniert. Vorausschauende Klimapolitik müsse erneuerbare billiger machen als fossile Energie.
Mit Fokus auf die Wirtschaftlichkeit erläuterte Domberger, wie voraussetzungsreich millionenschwere Projekte für die Energiewende seien. Hinzu kämen jedoch noch immer Erschwernisse durch unpassende Förderfristen oder aufwändige Genehmigungsverfahren. In jedem Falle brauche es Klarheit bei den Zielen bis hinunter auf die kommunale Ebene, so Stöglehner. Noch immer liege der Fokus auf dem, was nicht geht, anstatt auf den vorhandenen Möglichkeiten und Potenzialen. Klar müsse sein: Wer weniger fördert, muss mehr regulieren. Politische Entscheidungen seien gefragt, auch im Hinblick auf den Einsatz der richtigen Ressourcen. Ob Österreich bis 2040 klimaneutral wäre, ließ Schneider vom BMLUK offen, gab sich aber optimistisch und betonte, dass ein überragendes öffentliches Interesse für Energiewendeprojekte außer Frage stünde. Er lokalisierte den Knackpunkt bei der Frage: Wer zahlt‘s? Hofinger sah eine wichtige Aufgabe für den Erfolg der Wärme- und Energiewende darin, transparent und kohärent zu agieren und zu kommunizieren.
Zum Abschluss des Fachdialogs fasste Martina Prechtl-Grundnig die wichtigsten Punkte folgendermaßen zusammen: Konsens bestehe darüber, dass Förderungen wichtig sind, jedoch bisher nicht konsistent und nicht in ausreichender Höhe zur Verfügung stünden. Außerdem wirke ein klarer Ausstiegspfad für eine Gesellschaft und den Markt als bestes Signal. Die Frage nach der Akzeptanz von Geboten oder Verboten in der Bevölkerung beantwortete sie mit dem Hinweis: Woanders geht es doch auch. Die Kommunikation bleibe jedenfalls weiterhin gefordert.
Download PROGRAMM Politische Steuerung für die Wärmewende
Moderation: Georg Renner
Fotocredit EEÖ
Eine Veranstaltung des EEÖ in Kooperation mit dem FH Technikum Wien.
Rückfragen: office@erneuerbare-energie.at
